E-Auto rollt aufs Dorf zu - Energieverein hat elektrobetriebenen Mercedes für Car-Sharing bestellt


"Auf dem E-Mobilitätsmarkt soll das gemeinschaftlich genutzte Fahrzeug präsentiert werden. Einen Gang höher schalten möchten die Grunder, was die Mobilität angeht. Die meisten Einwohner des Jung-Stilling-Dörfchens verfügen über ein eigenes Auto; die Jugendlichen versuchen stets, so rasch wie möglich an den Führerschein und einen fahrbaren Untersatz zu kommen – immerhin ist die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr nicht die idealste. Das Konzept des Car-Sharings fiel daher hier, zu Füßen der Ginsburg, auf ausgesprochen fruchtbaren Boden. Jetzt nimmt die Idee eines Dorfautos konkrete Formen an: In wenigen Tagen soll es an den Start gehen. Ein kleiner Blick in den Rückspiegel: Schon bei der jüngsten Bewerbungsrunde des Kreiswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ hatten die Grunder ihr Interesse an alternativen Energien und nachhaltigen Konzepten zu Protokoll gegeben und sich für eine Teilnahme am Südwestfalen Agentur Projekt „Dorf ist Energie(klug)“ entschieden. Als im Hilchenbacher Rathaus das Angebot des Energieversorgers RWE einging, testweise einen Kompaktwagen mit Elektro-Antrieb im oberen Insbachtal zu stationieren, ein Dorfauto auf Probe also, waren die Grunder schnell Feuer und Flamme. Im Mai vergangenen Jahres startete die Testphase – zunächst für drei Monate, am Ende mit deutlicher Verlängerung. „Das hat gezündet“, sagt Jörg Heiner Stein, der die Testphase gemeinsam mit Ortsvorsteher Martin Born befeuerte. Der Wunsch nach einem eigenen, dauerhaften Dorfauto sei schnell aufgekommen. Ein zweiter Probelauf schloss sich unverhofft an – wenn auch nicht elektrisch, sondern mit Benzin betrieben. Eine Seniorin aus dem Dorf wagte sich nicht mehr selbst ans Steuer ihres Autos, stellte es daher der Gemeinschaft zur Verfügung – und ließ sich im Gegenzug hin und wieder zu Einkäufen und Besorgungen bringen. Auch diese Phase bestärkte die Car-Sharing-Begeisterten in ihrem Vorhaben, das im Frühling zur Gründung eines Vereins führte. „Energieverein aus gutem Grund“ heißt der, besteht aus 15 Mitgliedern, hat Stein und Born an seine Vorstandsspitze gewählt und wartet nun gespannt auf sein erstes eigenes E-Auto. In wenigen Tagen soll ein Mercedes „B 250 E“ geliefert werden. Die Finanzierung steht – dank zahlreicher Werbepartner. Ähnlich wie ein Vereinsbus wird das Dorfauto mit Werbung der Sponsoren beklebt. Wer das E-Auto nutzen möchte, muss Mitglied im Verein sein und kann über eine Internet-Plattform reservieren –stunden- oder tageweise (für 4 bzw. 25Euro). Auch regelmäßige Nutzungen sind möglich: So wird der Eichenhof stets den Montag blocken, um mit dem E-Dorfauto seine Eier auszuliefern. Dafür kann der Hof eines seiner eigenen Autos abstoßen. „Und genau das ist ja ein mittel- bis langfristiges Ziel“, berichtet Jörg Heiner Stein. Seinen ersten öffentlichen Auftritt wird das Dorfauto am Mittwoch, 14. September, beim 2. Hilchenbacher E-Mobilitätsmarkt haben, der von 17 bis 20 Uhr abermals in Grund stattfindet.
Derzeit bereitet der Verein die Infrastruktur vor. Das Dorfauto bekommt einen Parkplatz direkt am Dorfgemeinschaftshaus. Derzeit steht auf dieser gepflasterten Fläche noch Altglas-Container. „Sie waren uns ohnehin ein Dorn im Auge.“ Diese sollen in Kürze ausgelagert und in Richtung Zollposten aufgestellt werden – schon jetzt befinden sich dort die Container für Altpapier.
Wer nicht mobil ist, kann sein Glas aber weiterhin an zentraler Stelle im Ort abgeben. Neben dem Stellplatz fürs Dorfauto soll eine Altglas-Kiste aufgestellt werden, deren Entleerung der Energieverein übernehmen wird – mithilfe des Dorfautos, versteht sich. Auch eine Ladesäule muss noch her. Bis der Zuschuss des Bundes an Land gezogen wird, stellt die Firma Castellan sie leihweise zur Verfügung. Nicht nur dem E-Auto steht die Ladestation dann zur Verfügung; auch E-Bikes oder E-Rollstühle dürfen hier künftig aufgeladen werden.
„Wir möchten nun beweisen, dass wir es können“, freut sich Jörg Heiner Stein darüber, wie viele Hürden der Energieverein bereits genommen habe. Ebenso freut er sich über die Vorreiterrolle von Grund, das auch Vorbild sei für andere Dorfgemeinschaften im Kreisgebiet. „Die anderen warten erst einmal ab, wie es bei uns funktioniert.“

Zurücklehnen möchte sich der junge Verein „aus gutem Grund“ übrigens nicht, wenn das Auto auf der Straße ist. „Wir möchten offen bleiben für neue Techniken und klimafreundliche Energien.“ Der nächste logische Schritt sei die eigene Energie-Erzeugung: ein Carport mit Photovoltaik-Anlage, aus der sich die Ladestation speise, eines Tages vielleicht sogar ein Nahwärmenetz für die Dorfmitte – die Grunder haben noch einige Ideen. Und die nötige Energie, sie zu realisieren."

Quelle Jan Schäfer


01.09.2016
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